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jueves, 8 de julio de 2010

Honduras:Tätowierte sterben schneller

In Honduras löst die Mittel- und Oberschicht das Problem der Bandenkriminalität auf ihre Art


Rücksichtslose Jugendbanden, die so genannten Maras, terrorisieren die Bevölkerung in Honduras. Häufig jedoch werden auch vermeintliche Mitglieder dieser Banden ermordet aufgefunden. Dahinter stecken meist Todesschwadronen, die das Gesetz in die eigene Hand nehmen. Selbst Jugendliche, die aus den Banden ausgestiegen sind und denen Kirchen und christliche Hilfsorganisationen eine neue Chance geben wollen, werden nicht verschont.


von Julio C. Hernández

"Junger Mann ermordet aufgefunden", "Mutmaßliches Bandenmitglied erschossen", "Männer vom 'grauen Pickup' töten drei Jugendliche" - Schlagzeilen wie diese stehen täglich in honduranischen Zeitungen. Die Vorfälle ähneln sich: Junge Männer oder Jugendliche - seltener auch junge Frauen - werden in den Großstädten Tegucigalpa und San Pedro Sula auf offener Straße ermordet oder entführt. Die Leichen der Entführten werden dann irgendwo am Stadtrand aufgefunden. Im Jahre 2001 sind in dem mittelamerikanischen Land über 600 Jugendliche und junge Erwachsene ermordet worden, viele von ihnen wurden regelrecht hingerichtet. Im laufenden Jahr sind allein im April 53 junge Menschen umgebracht worden.

Die Opfer sind vermeintliche Mitglieder der in Honduras immer rücksichtsloser auftretenden Jugendbanden, der Maras. Landesweit gibt es über 80 Banden, die zusammen bis zu 100.000 Mitglieder und Sympathisanten haben sollen. Besonders groß und berüchtigt sind die Mara 18 und die Mara Salvatrucha, zwei im ganzen Land agierende Banden mit einem nur lockeren Zusammenhalt und unabhängigen Zellen. "Entstanden sind diese Jugendgangs bereits in den fünfziger Jahren, als zurückkehrende Emigranten aus den USA versuchten, die amerikanischen Banden zu kopieren", erklärt Gustavo Zelaya vom Jugendhilfswerk Casa Alianza. Doch Jahrzehnte lang dienten die Banden lediglich dem Zusammenhalt zwischen den Jugendlichen, ihre Taten waren relativ harmlos.

Das änderte sich Anfang der neunziger Jahre. Mit der Demokratisierung des Landes, die 1982 eingesetzt hatte, verschwand allmählich die starke Hand der Militärs. Gleichzeitig waren die demokratischen Regierungen nicht in der Lage, ihre Versprechen von Wohlstand und Stabilität zu halten. "Honduras ist eines der ärmsten Länder Lateinamerikas geblieben. Vier Fünftel der Bevölkerung leben unter dem von den Vereinigten Nationen definierten Existenzminimum, die Arbeitslosigkeit liegt bei über 50 Prozent", sagt der Journalist Manuel Torres. Nach dem Ende der Bürgerkriege in den Nachbarländern El Salvador, Guatemala und Nicaragua habe außerdem die großzügige Hilfe aus den USA erheblich nachgelassen. Honduras hat seine Bedeutung als "demokratische Bastion gegen den Kommunismus" eingebüßt.

Als Agrarland exportiert Honduras vor allem Kaffee, Bananen und Palmöl, aber insbesondere die Kaffeepreise sind in den vergangenen Jahren erheblich gesunken. Der Hurrikan Mitch im Jahr 1998 und eine große Dürre im Jahr 2001 haben die Landwirtschaft an den Rand des Zusammenbruchs gebracht. Gleichzeitig fordert der Internationale Währungsfonds (IWF) Kürzungen in den Sozialausgaben. Honduras hängt am Tropf der internationalen Hilfe; ohne die Entwicklungshilfe und die Überweisungen von Honduranern im Ausland würde die Wirtschaft zusammenbrechen. Der Haushalt wird zum großen Teil vom IWF und von der Weltbank mitgestaltet. Mehr als Mangelwirtschaft kann eine honduranische Regierung nicht betreiben.

Viele junge Menschen ziehen auf der Suche nach einer Perspektive in die großen Städte, aber dort finden sie nur Elend und Armut - und Jugendbanden, die ihnen eine Ersatzfamilie, Macht und relativen Wohlstand bieten. Die Maras rekrutieren ihre Mitglieder außerdem aus den Reihen der über 8000 Straßenkinder des Landes. Hinzu kommen viele Jugendliche, die ihre Jugendheime verlassen müssen, weil sie das Alterslimit erreicht haben, und für die sich niemand zuständig fühlt.

Die Banden "übernehmen" Stadtviertel, überfallen Busse, Läden und Banken und handeln mit Drogen. Wenn ein Mitglied einer rivalisierenden Mara sich in ein "falsches" Viertel verirrt, wird kurzer Prozess gemacht. Doch auch Polizisten sind vor Maras nicht sicher. Bestimmte Stadtviertel in San Pedro Sula oder in der Hauptstadt Tegucigalpa sind für die Ordnungskräfte tabu.

Oft sind die Morde an Bandenmitgliedern eine Folge von Machtkämpfen zwischen korrupten Polizisten und den in ihre Gebiete eindringenden Maras. Wo die Maras herrschen, kann kein anderer mehr Geschäfte machen. So trifft man nicht selten auf Polizisten, die auch in ihrer Freizeit Jagd auf Maras machen.

Angesichts der herrschenden Gesetzlosigkeit glauben bestimmte Gruppen innerhalb der verunsicherten Ober- und Mittelschicht des Landes, das Gesetz selbst in die Hand nehmen zu müssen. Eine legale Folge dieser Haltung sind die zahlreichen privaten Sicherheitsdienste, die in den letzten Jahren wie Pilze aus dem Boden geschossen sind. Es gibt kein Café, keinen größeren Laden, keine Tankstelle, vor der nicht mindestens ein schwer bewaffneter Wächter steht. Und auch Privatleute greifen immer häufiger auf die Sicherheitsdienste zurück. "Der Erfolg dieser Maßnahmen ist zwiespältig; denn immer wieder überfallen Mareros Wächter, um an moderne Waffen zu kommen", sagt Gustavo Zelaya. Solche Überfälle enden häufig tödlich - für die eine oder die andere Seite. Und die Zahl der kursierenden Waffen steigt ins Unkontrollierbare.

Die illegale Folge ist die Selbstjustiz durch die Todesschwadronen: Die Männer vom "grauen Pickup", vom "roten Pickup" oder die Olanchanos, wie die Hinrichtungskommandos von den hiesigen Medien bezeichnet werden, sind bei ihrer Jagd auf "Bandenmitglieder" nicht zimperlich. Wer mit Mareros "rumlungert", wird als solcher identifiziert - und die selbst ernannten Richter machen kurzen Prozess. "In Tegucigalpa ist es deshalb lebensgefährlich, mit einer sichtbaren Tätowierung durch die Gegend zu laufen", sagt Zelaya. Da sich die Mitglieder der verschiedenen Jugendbanden tätowieren, um sich voneinander abzugrenzen, gelten Tätowierungen in der honduranischen Gesellschaft als eindeutiges Zeichen für die Mitgliedschaft in einer Mara. Die Universitäten von Tegucigalpa exmatrikulieren Studenten, die sich haben tätowieren lassen, Schulen entlassen tätowierte Schüler.

Die Todesschwadronen fordern Jugendliche oder junge Männer häufig auf, ihre Oberkörper frei zu machen. Entdecken sie Anzeichen auf eine Mitgliedschaft in einer Jugendbande, kommt dies einem Todesurteil gleich. "Die Tätowierungen werden mit Verbrechen gleichgesetzt, aber nicht alle Mitglieder der Banden beteiligen sich an Verbrechen", sagt Istmania Pineda, Leiterin des Jugendkulturzentrums Xibalbá. "Für viele junge Männer und Frauen ist die Bande ein Familienersatz, ein letzter Zufluchtsort in einer Gesellschaft, die ihnen keine Chance bietet."

Xibalbá versucht, den Bandenmitgliedern eine Chance zu geben. Die nichtstaatliche Organisation erleichtert ihnen den Ausstieg aus der Mara, indem sie den Jugendlichen Arbeit in Werkstätten anbietet, die von den ehemaligen Maras selbst verwaltet werden. Hier können sie unter anderem Autolackierer, Schreiner oder Schneider werden. Der christliche Glaube soll den jungen Männern und Frauen außerdem einen zusätzlichen gesellschaftlichen Halt geben. Pineda: "Mir ist es egal, ob sie sich von der katholischen oder der evangelischen Kirche angezogen fühlen, Hauptsache sie sehen in ihrem Leben wieder einen Sinn."

Aber der Ausstieg aus der Jugendbande, die Hinwendung zu Gott oder eine Arbeitsstelle bieten noch längst keinen Schutz vor den Todesschwadronen. "Einmal Mara, immer Mara - den Kindermördern ist es egal, ob sich jemand von seiner Vergangenheit losgesagt hat oder nicht", erklärt Gustavo Zelaya. Die Todesschwadronen wollen nicht nur einschüchtern - sie wollen Rache. Auch die Entfernung der ominösen Tätowierungen, die die katholische Kirche seit kurzem fördert, bietet keine Überlebensgarantie. Im Gegenteil: Die Hinrichtungskommandos wissen, in welchen Gemeinden die Kirche ihren Dienst anbietet. Und auch die Jugendbanden selbst halten dort Ausschau nach "Verrätern". Manch ein Jugendlicher ist nach der Entfernung seiner Tätowierungen ermordet worden.

Die honduranische Öffentlichkeit will von Hinrichtungen an Jugendlichen nichts wissen. Die vielen jungen Toten, über die in den Medien berichtet wird, werden mit "Bandenkriegen" erklärt, ermordete Jugendliche in "mutmaßliche Mareros" verwandelt; Zeugenaussagen, die bei rund zehn Prozent der Fälle nahe legen, dass Sicherheitskräfte und private Sicherheitsdienste mit den Morden an Jugendlichen zu tun haben, werden ignoriert; Gerichtsakten, die Polizisten belasten, verschwinden kurz vor Gerichtsterminen. Organisationen wie Xibalbá und Casa Alianza stehen in Honduras im Ruf, "Verbrecher zu unterstützen und die Sicherheitskräfte zu behindern", wie es kürzlich ein Radiomoderator ausdrückte.

"Was können wir noch tun?", beklagt sich Bruce Harris, Leiter von Casa Alianza. "Wir haben die Verbrechen bei den honduranischen Ordnungskräften angezeigt, und wir haben sie und die Gesellschaft darum gebeten, etwas zu unternehmen ... aber es werden weiterhin Kinder ermordet." Istmenia Pineda weist darauf hin, dass die Mörder zum Teil namentlich bekannt sind. "Aber der Wille fehlt, etwas zu unternehmen!" Ähnlich sieht es die Sonderbeauftragte der Vereinten Nationen gegen außergerichtliche Hinrichtungen, die Pakistani Asma Jahangir. "Die Regierung besitzt Beweise, die eindeutig zeigen, dass einige dieser Kinder von Sicherheitskräften ermordet worden sind, und man hat mir versichert, dass die Beschuldigten angeklagt werden. Aber ich habe erkennen müssen, dass es bei vielen dieser Morde zu keiner Anklage gekommen ist", sagte Jahangir nach ihrem letztjährigen Besuch in Honduras.

Es sieht so aus, als ob die honduranische Gesellschaft es für angebracht hält, wenn "soziale Säuberungen" stattfinden und "unerwünschte Objekte" wie Mareros oder auch Straßenkinder beseitigt werden. Folglich erhalten Organisationen wie Xibalbá oder Casa Alianza, die sich dieser Entwicklung widersetzen, keine staatliche Unterstützung. "Xibalbá hat derzeit keinen festen Sitz", erklärt Pindeda. "Wir hatten ein Haus im Zentrum Tegucigalpas, aber dann hat uns die Bürgermeisterin rauswerfen lassen. Die Jugendlichen seien zu laut gewesen." Jetzt treffen sich die ehemaligen Mareros auf öffentlichen Plätzen, wo sie von ihren ehemaligen Banden leicht als "Verräter" enttarnt werden können - und planen gleichzeitig kulturelle Aktionen.

Wenig Anlass zur Hoffnung sieht Istmania Pineda in der Politik des neuen honduranischen Präsidenten, Ricardo Maduro. Maduro ist seit Februar 2002 im Amt und hat schon im Wahlkampf eine "Null-Toleranz-Politik" versprochen. Gleich am ersten Amtstag schickte er Tausende Soldaten auf die Straße, um für "Sicherheit" zu sorgen. "Allerdings hat Maduro Null Toleranz gegenüber den Mareros versprochen. Von Todesschwadronen oder mordenden Polizisten hat er leider nichts gesagt", sagt Pineda.

Tatsächlich hat sich Maduro in seinen ersten hundert Amtstagen nicht mit dem unpopulären Thema befasst. Mit Schutz von Menschenrechten lassen sich in Honduras keine Wahlen gewinnen. Ein Mord an einem Marero wird nicht als "steigende Kriminalität" wahrgenommen, sondern eher als mehr Sicherheit. Und so richtet Istmania Pineda alle ihre Hoffnungen auf die internationale Gemeinschaft: "Honduras hängt von der Entwicklungshilfe ab. Wenn die Geberländer die Einhaltung der Menschenrechte fordern, bleibt die Regierung davon sicherlich nicht unbeeindruckt."

aus: der überblick 02/2002, Seite 74

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